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Cesenatico, 3. Juni 1998

Unvermutet findet sich in dem Touristenort eines der renommiertesten Institute zur biologischen Überwachung der Küstengewässer im Mittelmeer. Seit über 20 Jahren betreiben die Forscherinnen und Forscher des Ozeanographischen Forschungsschiffes DAPHNE II und des angeschlossenen Labors Umweltmonitoring entlang der Küste der Emilia-Romagna. Die Auswirkungen der Einträge des Flusses Po auf die Chemie des Meerwassers werden ebenso untersucht, wie die Entwicklung von Eutrophierungserscheinungen wie Algenblüten, Sauerstoffarmut und Fischsterben. Seit einigen Jahren konnte auf Initiative der DAPHNE-Mitarbeiter außerdem eine versunkene Methanplattform zum Schutzgebiet "Il Paguro" erklärt werden, welcher im Rahmen einer Tauchexpedition erkundet wird.

Der Name ist der griechischen Mythologie entlehnt, enthält aber auch die Initialen der am Bau der DAPHNE I beteiligten Firmen und Sponsoren. Mit der Vorgängerin des Forschungsschiffes DAPHNE II stieg die Region Emilia-Romagna 1977 in ein Programm zum Küstenmonitoring ein, was in seiner Intensität und Datendichte bis heute im Mittelmeer einzigartig ist. In den über zwanzig Jahren wurden etwa 150 000 Datensätze zu physikalisch-chemischen und biologischen Qualität der Küstengewässer der Region erhoben. An mittlerweile 36 Meßpunkten, die jede Woche mit dem Boot angefahren werden, werden jeweils pH-Wert, Temperatur, Salzgehalt, Chlorophyllgehalt und Transparenz direkt mit einer Multisonde gemessen. Dabei wird von der Oberfläche bis zum Boden kontinuierlich aufgezeichnet, um sich von den Entwicklungen in der Wassersäule ein besseres Bild machen zu können. Ebenfalls an jedem Punkt werden Wasserproben genommen, die zum Teil an Bord, zum Teil später im Labor weiter auf ihren Gehalt an Planktonorganismen und die chemischen Inhaltstoffe des Wassers selbst analysiert werden. Der Gehalt an Stickstoffverbindungen und Phosphaten sowie Silikat oder Eisen als notwendige Bausteine und die Zusammensetzung der Algenflora erlauben es, Aussagen über das zentrale Beschäftigungsfeld der Forscher zu tätigen: die Eutrophierung und deren Effekt auf die Umwelt, die Fischerei und den Tourismus.

Comandante Dino läßt die Motoren an. Die DAPHNE II bebt unter den 2 x 440 PS. Die Vorgängerin war zu schwach um die 36 Meßpunkte in zwei Tagen zügig bearbeiten zu können. Immerhin werden bei einer regulären Meßkampagne zwischen 100 und 150 km zurückgelegt. Die Infoschiff-Biologen und das BR-Fernsehteam begleiten Dr. Giuseppe "Renzo" Montanari, von Anfang an dabei beim "Ozeanographischen Forschungsschiff und Laboratorium DAPHNE", wie die Einrichtung mit vollständigem Namen heißt, bei einer Ausfahrt zu zwei weiter entfernten Sondermeßstellen, um die tägliche Arbeit zu dokumentieren.

Zunächst steht die Kontrolle des Naturschutzgebietes "il Paguro" auf dem Programm. Die etwa zehn Meilen vor Cesenatico gelegene Methanplattform fiel in den Siebziger Jahren einem Brand zum Opfer und versank. Heute sind die Gestänge und Aufbauten auf dem dreißig Meter tiefen Schlickboden eine Oase für Hartbodenbewohner wie Schwämme, Hydrozoen, Muscheln, Moostierchen und Röhrenwürmer. Aber auch viele freilebende Tiere haben sich hier niedergelassen. Bei einem Tauchgang begegnet uns ein Ärmchenwald von Schlangensternen, der wie ein Teppich die Stahlrohre umkleidet. In Nischen sitzen Seegurken, die ihre Mundtentakel weit ins freie Wasser recken. Die Sicht ist mit fast 10 Metern gut und dennoch flottieren viele kleine Flöckchen, "Marine Snow" in der kompletten Wassersäule. Nahezu alle sessilen Tiere und auch viele vagile fangen diese Partikel und ernähren sich von ihren Inhaltsstoffen. Plötzlich schreckt Renzo, der den Tauchgang begleitet, zurück: ein eineinhalb Meter langer Meeraal kommt gemächlich aus seiner Höhle und streicht neugierig um die Kamera. Große Fischschwärme durchstreifen das Gewirr geborstener Stahltäger.

Wieder an Bord der DAPHNE erklärt uns Dr. Montanari, daß die Unterschutzstellung der Zone vor zwei Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Fischpopulation geführt hat. Die Lebensgemeinschaft der Hartbodenbewohner sei in diesem Gebiet eine Besonderheit, die man sich durch Fischereiverbote an dem Wrack erhalten wollte.

Weiter mit der DAPHNE unterwegs durchfahren wir plötzlich einen Streifen roter Farbe an der Meeresoberfläche: eine "Red Tide", die Massenentwicklung der Meeresalge Noctiluca miliaris, wie uns Renzo erklärt.

Der Zustand der Küstengewässer der Oberen Adria, besonders der südlich des Podeltas gelegenen, vor allem im Hinblick auf Eutrophierungsserscheinungen, habe sich seit dem Ende der 80er Jahre bis ca. 1995 stetig gebessert, in den letzten drei Jahren jedoch sei ein leichter Trend in der Zunahme von Algenblüten, Sauerstoffarmut und Nährstoffgehalt festzustellen, der jedoch nicht an frühere Jahre anknüpft. Die Schwankungen seien auf die unterschiedlichen Frachten des Flusses Po zurückzuführen, je nach Niederschlagsmenge im Einzugsgebiet.

Der Po ist mit einem Zufluß etwa 1500 Kubikmetern pro Sekunde nach der Rhône der zweitgrößte Fluß des Mittelmeeres. Die geringe Tiefe und der verminderte Austausch mit dem Hauptbecken des Mittelmeeres führen schon natürlicherweise zu einer speziellen Situation: verringerter Salzgehalt, hohe Nährstoffeinträge und erhöhte Trübung führen schon immer zu einem häufigeren Auftreten von Algenblüten und deren Folgeerscheinungen. Um so wichtiger ist es, den Einfluß des Menschen möglichst zu vermindern, um gravierende Probleme in Zukunft zu vermeiden.

Bei einem Besuch im Gebäude des Laboratorio Oceanografico und des Centro Ricerche Marine konnten die BR-Journalisten die weiteren Untersuchungen der mitgebrachten Wasserproben verfolgen. So werden die Algen bestimmt und ihre Menge pro Liter Wasser quantifiziert. Die artgenaue Bestimmung ist wichtig, um eventuell das Auftreten giftiger Algen frühzeitig erkennen zu können.

In einem weiteren Labor findet die chemische Analyse des Wassers statt. Im Autoanalyzer werden verschiedene Stickstoffverbindungen, Phosphate sowie Silikate und Spurenelemente erfaßt. Diese Informationen ermöglichen wiederum die Berechnung des hier am Institut entwickelten Trophieindex TRIX. Dieser erlaubt Vorhersagen zum ökologischen Geschehen der nächsten Tage im Zusammenhang mit dem Nährstoffgehalt. Das Modell wird in das nationale Gewässergesetz übernommen und erlangt so einen Symbolcharakter zur Würdigung der langjährigen Arbeit des DAPHNE-Instituts.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die freundliche und unkomplizierte Hilfestellung bei der Recherche und für die Unterstützung bei den Dreharbeiten.

Hintergrundinformationen zur DAPHNE finden sich auf der Homepage der DAPHNE

Hier wird auch das wöchentliche Bulletin und Übersichtskarten zu physikalisch-chemischen Parametern über die aktuelle Situation im Monitoringgebiet veröffentlicht.

Anfragen an folgende E-Mailadresse: rer5@nettuno.it oder persönlich an Dr. Montanari: gmontanari@arpa.emr.it

Morgen, 05.06.98:

Überfahrt nach Chioggia - Die längste Fahrtabschnitt der Tour


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