Die Boje ist als Referenzpunkt gut geeignet, um in unregelmäßigen Abständen das freie Wasser auf den aktuellen Zustand bezüglich Algenschleim und den Meeresboden auf Anzeichen von Sauerstoffarmut zu untersuchen. Seit sieben Jahren werden so von den Sommerservice-Regionalbearbeitern hier Tauchgänge durchgeführt.
Nachdem das Schiff fest vor Anker liegt, bereiten sich die Wissenschaftler an Bord auf den Tauchgang vor. Die Sicht verspricht nicht gut zu werden, das Meer ist durch die Wellen und den Wind ordentlich aufgewühlt. Wichtig ist neben einer zuverlässigen Ausrüstung und einem eingespielten Team auch die Einhaltung von Sicherheitsregeln. Eine zusätzliche Bojenleine wird bereitgemacht, um diese dann an der Ankerkette befestigen zu können - der Ariadnefaden durch die zu erwartenden Schlammwolken.
Gegen die Strömung wird vom Heck der "Bella Laura" aus zum Anker hin abgetaucht. Entlang der Ankerkette geht es dann in die Tiefe. Zunächst sind einige Flöckchen des auch schon in den Vortagen beobachteten "Marine Snows" im Wasser zu sehen. In 3 Metern Tiefe schwebend finden sich auch etwa 10 Zentimeter lange Fäden, typische Formationen der sommerlichen Algenschleimbildung. Das Echolot des Schiffes hatte uns am Ankerplatz eine Tiefe von etwa 10 Metern angezeigt. Die Sicht wird immer schlechter. Da, der Boden wird spürbar. Mit den Knien versinken wir im Schlamm.
Der Meeresboden in der Oberen Adria besteht zum größten Teil aus feinen Sanden und Schlick. Die Sichtweite sinkt bis auf null. Nun sind wir vollständig auf unseren Tastsinn angewiesen und die feste Verbindung untereinander. Zur Ankerkette wird uns die Leine zurück führen.
Hier unten herrscht fahles gelblich-grünes Licht. Die Scheinwerfer der Unterwasserkamera reichen keine zwanzig Zentimeter weit. Eine Bodenstruktur ist nur erkennbar, wenn man das Gesicht fast mit dem Boden in Berührung bringt. Erstaunliches präsentiert sich allerdings durch das Sucherbild der elektronischen Kamera. Als könne sie durch die Schwebteilchen hindurch schauen, offenbaren sich Kriechspuren von Schnecken, Einsiedlerkrebsen und Ringelwürmern. Aus dem Boden erheben sich die Tentakelkronen von Zylinderrosen. Schlangensterne huschen aus dem Bild.
Der Boden macht einen normalen Eindruck und auch die Bewohner zeigen kein auffälliges Verhalten. Die Färbung des Schlicks, wie es die genauere Analyse der Videosequenzen und der mitgebrachten Proben hinterher an Bord zeigt, läßt keine Rückschlüsse auf einen Mangel an Sauerstoff in den bodennahen Wasserschichten zu. Die Durchmischung des Meerwassers ist gut und auch die beobachteten Flöckchen und Fäden sind im Rahmen der in den vergangenen Jahren beobachteten Norm. Anzeichen für ein erneutes Aufflackern der Algenschleimkatastrophe bestehen vorerst nicht. Eine Verschlechterung der Situation könnte sich einstellen, wenn es in der Zone in den folgenden Wochen sehr heiß und windarm wäre und sich so eine stabile Schichtung des Wassers einstellen könnte.
Der Anker wird gelichtet und der Hafen von Grado ist bald erreicht. Vertreter der örtlichen Kurverwaltung empfangen das Schiff und die Mitreisenden, um die Vertreter der Medien und des ADAC zu der abschließenden Pressekonferenz am Strand von Grado zu geleiten. In ihrem Grußwort stellen der Präsident der Kurverwaltung und der Bürgermeister von Grado die Bedeutung des ADAC als bedeutende Verbraucherorganisation in Europa fest und würdigen den ADAC-Sommerservice als wichtiges Instrument der Information von Urlaubern über den Bereich Umwelt und Tourismus. Die Zusammenarbeit jährt sich in diesem Sommer zum zehnten Mal und die Stadt wie auch die Region seien bereit, die Aktivitäten noch zu intensivieren. Für Anregungen und Kritik sei man jederzeit offen. Wolfgang Wuthe, Vertreter der ADAC-Presseabteilung, der die ganze Fahrt des ADAC-Infoschiffes 1998 begleitete, würdigte die fruchtbare Zusammenarbeit der Regionen der Oberen Adria auch in den schwierigen Themenbereichen Badegewässerqualität, Strandsauberkeit und Sicherheit. Gerade hier sein aber transparente Information gefordert, die Dank der guten Kontakte mittlerweile auch von Gesundheits-, Umwelt- und Tourismusbehörden bereitwillig und aktuell zur Verfügung gestellt werden. Der ADAC sei auch gerne bereit, besonders erfolgreiche Anstrengungen und Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Umweltqualität in den Urlaubsregionen bei seinen Mitgliedern kundzutun und somit ein Umdenken zu fördern.
Gefragt nach Wünschen zu Verbesserungen im Umweltbereich erläuterte Christian Lott, Meeresbiologe und langjähriger Sommerservicemitarbeiter, daß an nahezu allen Stränden die Informationen über die Badegewässerqualität für den Besucher noch immer schwer zu bekommen sind. Weder an den Kurverwaltungen noch an den Strandbädern werden aktuelle Werte verständlich veröffentlicht. Treten an Stränden Belastungen auf und müssen Badeverbote ausgesprochen werden, sind diese lediglich durch ein Schild mit der Nennung des Gesetzesartikels in Landessprache bezeichnet. Ein Hinweis auf den Grund der Sperrung, nämlich eine gemessene hygienische Belastung und somit ein mögliches Gesundheitsrisiko, wird vermieden. Hier ist der Verbraucherschutz also unzureichend, was allerdings leicht zu beheben wäre. Weitere Beispiele wurden im Anschluß an die Veranstaltung im kleinen Kreis erörtert und sollen in verstärkte Anstrengungen zu Verbesserungen münden.
Abschließend wird die ADAC-Infoschifftour 1998 in der Oberen Adria als großer Erfolg gewertet. Die Verbindung von ADAC-Vertretern, Journalisten verschiedener Medien und dem fachlichen Beistand durch die Bordbiologen stellt eine effiziente Grundlage für die Auseinandersetzung mit für den Tourismusbetreibern wie den Touristen selbst so wichtigen Umweltfragen dar. Die vielen Kontakte und Gespräche, Führungen und Exkursionen zeigen, daß die italienischen Regionen der Oberen Adria die Ressource Umwelt und speziell das Meer als ökonomische Grundlage erster Priorität erkannt haben und diese nur durch ein umweltverträglicheres Gesamtmanagement in einer nachhaltigen Nutzung erhalten werden können.
Den mitreisenden Medienvertretern wurde eine differenziertere Sicht der Keimzelle des Massentourismus geboten, die sicherlich der überkommenen Pauschalbewertung der Adria als Kloake gegenübergestellt werden muß. Die Diskrepanz zwischen Küste und Hinterland bei der Bewältigung von Umweltproblemen einerseits und die enge Verbundenheit der verschiedensten Interessengruppen mit dem Meer werden die Berichte bestimmen. Und wenn ein Tourismuspräsident die Agenda 21 der Vereinten Nationen nicht nur als Werbegag, sondern als Wegweiser zum sofortigen Handeln propagiert, "hätte man das ja nicht gedacht". Es bleibt für Einheimische wie für Besucher zu hoffen, daß dieser Prozeß möglichst zügig fortschreitet und die Skeptiker und zu Bequemen rasch an Einfluß verlieren, damit die Adria der "Deutschen liebste Badewanne" bleiben kann.
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