Gewässermonitoring

 

Gewässermonitoring

Neozoenmonitoring Bodensee

offizielle ANEBO-Seite; AKAN-Seite (demnächst), Neues vom Hochrhein, Neozoen in Schweizer Gewässern

ANEBO (aquatische Neozoen im Bodensee und seinem Einzugsgebiet)

Eine verstärkte Einschleppung und beschleunigte Ausbreitung aquatischer Neozoen (wasserlebender, nicht heimischer Tierarten) wird durch erhöhte Mobilität, die Öffnung von Schifffahrtswegen über zoogeografische Grenzen hinaus und durch den zunehmenden interkontinentalen Warenverkehr begünstigt.

Durch das aktuelle Auftreten der Körbchenmuschel Corbicula und des Flohkrebses Dikerogammarus im Bodensee gewann das Thema aquatische Neozoen erneute Aufmerksamkeit. Die Folgen der Neozoenausbreitung auf die Biozönosen des Bodensees und seines Einzugsgebiets, auf den Fischbestand, aber auch auf andere Bereiche der Seenutzung wie Fischerei, Schifffahrt und Tourismus sind weitgehend unbekannt.

Im Rahmen des vom Institut für Seenforschung (ISF) koordinierten INTERREG-Projekts ANEBO (Aquatische Neozoen im Bodensee) soll der Kenntnisstand zu diesem aktuellen Thema verbessert und Handlungsoptionen für die Gewässerschutzarbeit am Bodensee entwickelt werden. 

Durch die erhöhte Mobilität, die Öffnung von Schifffahrtswegen über zoogeografische Grenzen hinaus und durch den zunehmenden interkontinentalen Warenverkehr kommt es zu einer verstärkten Einschleppung und be­schleunigten Ausbreitung aquatischer Neozoen (wasserlebender, nicht heimischer Tierarten). Einige dieser Neo­zoen zeigen eine invasorische Ausbrei­tungs­tendenz und sind – bedingt durch hohe Fortpflanzungsraten und aggressives Fraß- und Raum­nut­zungs­verhalten – für gravierende Verän­de­run­gen in den Biozönosen von Seen und Fließge­wässern ver­ant­­wort­lich (Kinzelbach 1995, Tittizer 1996, Gebhard et al. 1996, Schöll 2002, Rey & Ortlepp, 2004). In einigen Fäl­len können sie auch ökonomische Schäden verursachen (Sakai et al., 2001). Für einen Teil dieser Arten trifft dies auch für den Bodensee und sein Einzugsgebiet zu.


Ausgangslage

Das erste invasorische Neozoon im Bodensee war Mitte der 1960er Jahre die Dreikantmuschel Dreissena polymorpha. Schon weniger als 10 Jahre nach ihrer Einschleppung hatte sie so hohe Populationsdichten erreicht, dass sie z.T.- Ausleitungs- und Wasseransaugrohre verstopften, deren Reinigung hohe Kos­ten verursachte. Außerdem könnte D. polymorpha für den Rückgang der Großmuscheln ver­ant­wort­lich sein. Der sich seit Ende der 1980er Jahre im See rasch vermehrende Kaulbarsch zeigte sich als potenzieller Nahrungskonkur­rent des heimischen Flussbarsches.

Über die Auswirkungen anderer Neozoen im Bodensee (z.B. Großkrebse, andere Wirbellose und Fische) ist dagegen so gut wie nichts bekannt, zu­mal in der Vergangenheit oft versäumt wurde, die Ausbreitung neozoischer Arten im See zu verfol­gen.

2003 wurden im Flachwas­serbereich des Bodensees der Große Höckerflohkrebs Dikerogammarus villosus und die grobge­rippte Körbchenmuschel Corbicula fluminea gefunden. Mit dem Erscheinen dieser invaso­rischen Arten bekommt das Thema „Neozoen im Bodensee“ wieder eine neue Dimension und rückt in den Vordergrund des Gewässer- und Artenschutzes. Zumindest der Große Höckerflohkrebs breitet sich derzeit rapide aus, verdrängt dabei andere Kleinlebewesen und nimmt im Nahrungsnetz nach Angaben einiger Autoren den Stellenwert von Fischen ein. Beide Arten zeigen lokal schon Besiedlungsdichten bis weit über 1000 Indi­viduen pro Quadratmeter.
Schon seit Längerem wird auch eine weitere Ausbreitung von Kamber­krebs und Signalkrebs im Bo­densee befürchtet. Beide Arten leben räuberisch und können die Krebspest verbreiten.

Sorgt für Aufregung: Der große Höcherflohkrebs Dikerogammarus villosus, der 2003 am Bodensee "entdeckt" wurde 

 

Grafik: © HYDRA

 


Monitoring

Für das Neozoen-Monitoring wurde ein dichtes Netz von Untersuchungsstellen rund um den Bodensee und in seinem näheren Einzugsgebiet ausgelegt. Hier wird neben der Neozoenausbreitung auch die Veränderung der jeweiligen Lebensgemeinschaften dokumentiert.

Dennoch: eine zweimal jährlich stattfindende Beprobung dieser Stellen reicht nicht aus, um die rasanten Entwicklungen bei der Neozoeneinschleppung und -ausbreitung festzuhalten.

Hier sind wir auf die Hilfe der Kooperationspartner aus den Gewässerschutzfachstellen rund um den See angewiesen. Neue und spannende Beobachtungen liefern uns aber auch Fischer, Taucher und aufmerksame Spaziergänger am Bodenseeufer.


Experten und Expertinnen beziehen Stellung

28.05.2007:

Neuen Erkenntnissen sollen nun Handlungen folgen – Umgang mit Neozoen im Gewässerschutz wird diskutiert.

Beim letzten Arbeitstreffen der internationalen Expertengruppen ANEBO und AKAN am 22. Februar 2007 in Langenargen kam es zu eindeutigen Statements. Im Umgang mit aquatischen Neozoen wurde ein neues, problemorientiertes Handeln in der Gewässerschutzpraxis gefordert:

„..Mit der bisher im Bodensee- und Rheingebiet beobachteten Ausbreitungen invasiver aquatischer Neozoen ist das Ende der ökologischen Veränderungen noch lange nicht erreicht. Wir müssen die Organismen kennen lernen, die noch nicht bei uns angekommen sind, aber bereits vor der Tür stehen… “.

„…Bei einer zu erwartenden Klimaveränderung sind neben ökologischen Veränderungen auch ökonomische Folgen und Schäden an der Gesundheit von Mensch und Tier nicht auszuschliessen…“

„… Mit jedem noch so geringen Anstieg der durchschnittlichen Wassertemperaturen wächst die Gefahr, das sich auch neozoische Parasiten und neue wasserbürtige Krankheiten bei uns ausbreiten …“.

„… Massenvermehrungen aquatischer Neozoen können indirekt auch die Wasserqualität beeinflussen…“

Beschluss
Noch vor Abschluss des ANEBO-Projekts soll ein Positions- und Thesenpapier erarbeitet werden: Arbeitstitel „Der Umgang mit aquatischen Neozoen, neozoischen Parasiten und neuen wasserbürtigen Krankheiten im Gewässerschutz“. Ein Entwurf des Papiers liegt seit dem 21. Mai 2007 dem internen Redaktionsteam vor. Mit einer Veröffentlichung des überarbeiteten Papiers kann bis Ende 2007 gerechnet werden.

30.04.2007:

Zwischen den ANEBO-Monitoringkampagnen vom Sommer 2006 und dem Winter 2006/2007 hat sich die Besiedlung des Bodenseeufers durch Neozoen erneut verändert.

Dikerogammarus villosus
Im Verlauf des Jahres 2006 hat der große Höckerflohkrebs Dikerogammarus villosus nun auch den größten Teil des Bodensee-Untersees erobert. Im Mai 2006 wurde er erstmals am Südufer der Insel Reichenau gefunden; im November wurde er dann am gesamten Schweizerischen (Südufer) des Untersees von Gottlieben bis Eschenz nachgewiesen. Zwischenzeitlich (Stand April 2007) hat er auch die ersten Kilometer im Hochrhein bis Hemishofen besiedelt.

Corbicula fluminea
Durch das Niederwasser im Februar 2006 kam es zu massenhaftem Absterben der Körbchenmuschel im Flachwasserbereich des östlichen Bodensees (WERNER 2006). Diese Bestände haben sich offenbar noch nicht erholt. Dagegen konnten nahe dem Rohrspitz in 15 m Tiefe starke Bestände grosse Exemplare von Corbicula fluminea festgestellt werden (LÖFFLER 05/2007 briefl. Mittl.).

Limnomysis benedeni
Die Schwebgarnele Limnomysis benedeni, im September 2006 am grünen Damm bei Hard entdeckt (s.u. „Schwebgarnele im Bodensee“) breitet sich offensichtlich schnell im östlichen Obersee aus. Bereits im November 2006 besiedelte sie zahlreichen Stellen zwischen Lindau und Rorschach (ca. 70 km Uferstrecke)

Die nächste Untersuchungskampagne am Bodenseeufer wird voraussichtlich in der ersten Juni-Hälfte 2007 durchgeführt.


News

15. 12. 2007

Herbst-Monitoring 2007: Die Neuen fühlen sich wohl

Vom 24. bis 27.September wurde die vorerst letzte Monitoringkampagne des ANEBO-Projekts durchgeführt. Wieder wurden zusätzliche Uferbereiche beprobt, um festzustellen, ob und wie weit sich die „neuen“ Neozoen im Bodensee weiter ausbreiten konnten.

Neues von Dikerogammarus
Dikerogammarus villosus zeigte im Herbst 2007 eine vergleichbare Ausbreitung wie im Herbst 2006: Die Uferbereiche des gesamten Obersees und des größten Teil des Untersees sind - je nach Untergrund – unterschiedlich dicht besiedelt. Der Große Höckerflohkrebs scheint auch weiterhin im Gnadensee zu fehlen. Wahrscheinlich liegt dies an den für ihn ungünstigen Substratbedingungen.
An einigen Probestellen, an denen im Vorjahr nur noch Dikerogammarus nachgewiesen wurde, findet sich wieder ein größerer Anteil anderer Flohkrebsarten – vor allem Gammarus roeselii.

Corbicula fehlt noch im flachen Wasser
In ufernahen Bereichen bleibt die Körbchenmuschel Corbicula fluminea vorerst selten. In tieferen Bereichen scheinen sich die Bestände der Art gut zu halten. Hinweise darauf, ob sich Corbicula im See inzwischen weiter ausbreiten konnte, wird die Suche nach Muschelschalen an trockengefallenen Uferbereichen beim winterlichen Niederwasser liefern.

Limnomysis ist wieder aufgetaucht
Nachdem diese kleine, fast durchsichtige Schwebgarnele Limnomysis benedeni  im August 2006 erstmals im Bodensee entdeckt wurde, fand man sie bis Ende 2006 an zahlreichen weiteren Stellen der Bregenzer Bucht zum Teil in Massen. Im Sommer 2007 dagegen konnte trotz intensiver Suche nur noch ein einziger Fundort in Steinach (CH) ausgemacht werden. In den Untersuchungen Ende September 2007 war Limnomysis benedeni  dann in nahezu allen Häfen zwischen Kreuzlingen und Fischbach zu finden. Die Garnele besiedelt strömungsberuhigte Bereiche mit algenbewachsenen Grobsubstraten in verschiedenen Wassertiefen. Möglicherweise ist sie entlang der uferparallelen Characeenstreifen in grösserer Tiefe noch viel weiter verbreitet.


Wieviele Wollhandkrabben leben im Bodensee?

20.10.2006:

Als Rolf Vonau aus Radolfzell und ein Kollege am 3. August vor Überlingen tauchten, dachten beide zunächst an eine Sinnestäuschung. In 29 Metern Tiefe begegenete ihnen eine Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis), die drohend ihre Scheren hob. Dieser ersten Lebendbeobachtung gingen aber schon andere Fundmeldungen voraus:
1983: eine Wollhandkrabbe ging einem Berufsfischer vor Litzelstetten ins Netz
2004: ein Exemplar wurde vor Langenargen in einem Trappnetz gefangen
2005: fängt ein Berufsfischer auch im Untersee eine Wollhandkrabbe
2006: Im zugefrorenen Bruggerloch bei Höchst (Vorarlberg) wurden insgesamt 10 verendete Krabben gefunden

Die Tatsache, dass sich die Fundmeldungen in den letzten Jahren häufen, ist zum einen auf die Information der Öffentlichkeit durch das ANEBO-Projekt zurückzuführen. Andererseits muss aber auch schon eine erhebliche Anzahl von Wollhandkrabben im See leben, damit es zu mehreren Sichtungen pro Jahr kommen kann. Dabei kann eine aktive Einwanderung der Art über Oberrhein und Hochrhein in den Bodensee nicht ausgeschlossen werden. Die Art kann sich zwar nur im Salz- oder Brackwasser vermehren, Wanderungen über mehr als 1000 km flussaufwärts sind jedoch in der Literatur beschrieben.


Schwebgarnelen im Bodensee

04.10.2006:

Limnomysis benedeni heißt der jüngste Bodenseebewohner. Seit etwa acht Wochen steht die Donau-Schwebgarnele als Neozoon auf der Artenliste der Seenforscher aus Konstanz und Langenargen. Bei einer Untersuchung der Bodenfauna im Rahmen des Projektes „Fischfreundliche Renaturierung“ (FIREBO) wurde die Art am Grünen Damm bei Hard (Vorarlberg) in mehreren Proben gefunden.

Limnomysis benedeni, eine etwa 1,5 cm lange Schwebgarnele

Ursprüngliche stammt die Süßwassergarnele aus dem Schwarzmeergebiet. In der Donau trat sie bereits in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf und eroberte sich dann über den Rhein-Donaukanal vor rund zehn Jahren das Rheinsystem.

Wie die Art in den Bodensee gelangte, ist unklar. In den untersuchten Proben lagen die Dichten bei bis zu 160 Tieren pro m². Auch in Fischmägen wurde sie inzwischen nachgewiesen. Aus Untersuchungen an anderen Gewässern ist bekannt, dass sich Limnomysis von März bis November fortpflanzt und sich hauptsächlich von Algen und pflanzlichen Bestandteilen ernährt.