Gewässermonitoring

 

Gewässermonitoring

Monitoring der Gewässer des Schweizerischen Nationalparks (seit 1993)

 
 

Hilfe: Hochwasser!

Ungewöhnliche Sanierungsmassnahme für einen Gebirgsbach

 

Am frühen Morgen des 5. Juli 2001 plätschert der Gebirgsbach Spöl wie immer klar und gemütlich durch den Schweizerischen Nationalpark in Graubünden. Plötzlich, innerhalb weniger Minuten, wird er jedoch zu einem reissenden braunen Fluss. Die Wassermassen entwurzeln kleine Bäume, zerschneiden Kiesbänke und verändern die Form der Ufer.

Keine Katastrophe spielt sich hier ab, sondern eine bislang in Europa einzigartige gewässerökologische Idee fasst Fuss: Die Wiederbelebung eines Baches durch künstliches Hochwasser aus dem Grundablass eines Stausees.

 
 

Der Spöl, einer der drei größeren Bäche des Nationalparks, verlor Ende der 1960er Jahre seinen natürlichen Lauf. Durch den Bau des Livigno-Stausees und seines Ausgleichsbeckens Ova Spin wurde aus dem unberührten Hochgebirgsbach ein staugeregeltes Gewässer. Seine abfließende Wassermenge hing nun nicht mehr vom Niederschlag und der Schneeschmelze, sondern von der sogenannten Dotierwassermenge ab, die dem nun amputierten Gewässer zugebilligt wurde. Diese gesetzlich festgelegte minimale Menge beträgt heute im Spöl nur noch 500 Liter pro Sekunde, der normale Abfluss vor dem Einstau lag rund zehnmal höher, bei Hochwasserereignissen maß man gar bis zu 140 Kubikmeter (140'000 Liter) pro Sekunde. Die Folge nach fast 30 Jahren: im Spöl sammelten sich immer mehr Sedimente an – der ursprüngliche Gebirgsbachcharakter ging verloren, an einigen Abschnitten kam es sogar zur Verschlammung und Vertümpelung. Durch periodische Stauseespülungen wurde diesem Effekt nur unzureichend entgegengewirkt, da auf diese Weise vermehrt auch Stauseesedimente ins Spölbett gelangten und dort liegen blieben.

Letztlich hatte sich auch die gesamte Tier- und Pflanzenwelt des Gewässers verändert. Statt der angepassten Bewohner von Hochgebirgsbächen dominierten nach Wegfall des "hydraulischen Stresses" durch Hochwasserereignisse nun Arten, die normalerweise in dieser Höhenstufe selten sind oder gar nicht vorkommen.

Abhilfe schafft nun ein ökologischer Großversuch, der von der Wissenschaftlichen Nationalparkkomission WNPK, den Engadiner Kraftwerken EKW, dem Jagd- und Fischerei-Inspektorat Graubünden und dem HYDRA-Institut Konstanz gemeinsam entwickelt wurde: Der Bach soll über kontrollierte Hochwasserereignisse Stück für Stück seinem ursprünglichen Zustand wieder nähergebracht werden. Auslöser des Versuchs war eine technisch notwendige Maßnahme am Ausgleichbecken Ova Spin: Bei einer Spülung 1995 gelang es erstmals, fast die gesamte Sedimentmenge aus dem Staubecken und dem Bachbett auszuspülen, ohne dabei bei Fischen und Kleinlebewesen grosse Verluste in Kauf nehmen zu müssen. Die vorbildliche Kooperationsbereitschaft der EKW und die besondere Konstruktion des Kraftwerkes kamen den Initiatoren dabei zu Hilfe. Durch einen Seitenstollen wurde aus dem Fluss Inn frisches Wasser zugespeist, um eine zu hohe Fracht an Trübstoffen oder schädlichen Substanzen aus dem Stauseesediment zu verhindern.

Nach dem eindrucksvollen Erfolg dieses Tests einigten sich Kraftwerksbetreiber, Behörden, Naturschützer und Wissenschaftler auf einen zunächst auf drei Jahre befristeten Feldversuch, der fachübergreifend wissenschaftlich begleitet wird. Künftig sollen mehrere kleine Hochwasser pro Jahr den Spöl dynamisieren. Das Team von HYDRA Konstanz untersucht dabei den Hochwasserverlauf, beispielsweise anhand von Schwebstoffmessungen und analysiert die Morphologie, die Sedimentstruktur sowie die Benthos- und Fischfauna über den gesamten Zeitraum.

Die beteiligten Partner erhoffen sich von den Ergebnissen eine Signalwirkung, die zu einer größeren Umweltverträglichkeit und dabei gesteigerter Wirtschaftlichkeit von Wasserkraftanlagen dieser Art führen könnte.

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